Wieder mal einer dieser Tage der vollgepackt mit Terminen ist. Heute am 22. September findet in Berlin irgendeine Demo statt. Ein Kumpel von mir meinte, dass wir da mal hingehen sollten. Um irgendwas mit Terrorismusgefahr soll es gehen. Na da kann man ja ruhig mal vorbei schauen. Und wenn es nur darum geht zu sagen, dass man dabei war. Der Junge ist sowieso politisch recht aktiv. Manch einer würde sagen, dass er in der linksextremen Szene aktiv ist. Aber das ist schon lange her. Obwohl es schon komisch war, dass er vor dem letzten G8-Gipfel vorsorglich in Haft genommen wurde, weil ja schon klar war, dass er das Demonstrationsverbot brechen würde. Aber das war ja auch eine Ausnahme. Inzwischen studiert er Journalistik und Islamwissenschaften an der FU-Berlin und schreibt ab und zu ein paar regierungskritische Artikel in einer Zeitschrift, bei der einer seiner damaligen “Kampfgefährten”
inzwischen arbeitet. Angesichts der aktuellen Geschehnisse erschien ihm das als eine lohnende Kombination. Heute geht’s auf jeden Fall nach Berlin…
[...]
Meine Güte! Das war gestern ein Tag. Direkt nach der Demo haben uns Polizisten in Gewahrsam genommen. Was wir getan hätten, haben wir gefragt. Wir wären verdächtig einer “terroristische Vereinigung” anzugehören, teilte uns der grimmig dreinblickende Herr in grün mit. Die Hinweise seien erdrückend. Ich solle mir jedoch keine Sorgen machen. Die Durchsuchung meines PC in den letzten Wochen habe nur wenige Anhaltspunkte geliefert so dass ich mir nicht allzu große Sorgen machen müsste. Obwohl ich evtl den RSS-Feed von Al Dschasira von meiner iGoogle Startseite nehmen sollte … Wie jetzt? PC durchsucht? Wie kommt der denn dazu?… Mein Freund würde bereits seit seinem letzten Aufenthalt in Karatschi (Pakistan) unter Überwachung stehen. Seit wann ein Praktikum im Zuge seines Studiums ungewöhnlich ist, will ich wissen: Keine Antwort. …
Als ich nun genau wie einige seiner Bekannten am Freitag nach Berlin geflogen bin, wäre das gleich aufgefallen und hätte zu einer genaueren Überprüfung der Umstände geführt. Am Terminal hätte man mich kurz verloren. Als ich dann jedoch auf der Demonstration aufgetaucht sei, hätte man mich wieder gefunden und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Wie soll mich denn da jemand erkannt haben? Ich bin doch nicht Staatsfeind Nummer 1, von dem jeder Polizist der die Demo bewacht ein Foto im Visier zu kleben hat. Der jüngere Beamte am PC lächelt nur und zeigt auf meinen neuen ePass auf dem das neu hinzugekommene Logo stellvertretend für meine biometrischen Daten prangt.
Vor 2 Jahren bin ich auf der Cebit an einer Kamera vorbei gelaufen die mein Gesicht automatisch erkannt und fotografiert hat. Ich hätte nicht gedacht, dass man wirklich schon so weit ist, das ganze auch automatisch gegen eine Datenbank mit Gesichtsprofilen laufen zu lassen.
Moment! Für einen Abgleich benötigt man ja eine zentrale Datenbank und die ist ja laut Grundgesetz verboten. “Verwaltungskram!” höre ich jemanden sagen. Welcher der 3 anwesenden Polizisten war das?
Wenn ich ab jetzt jedes Mal von der Polizei eingesammelt werde sobald ich mich auf einer Demo sehen lasse, werde ich mir so einen Besuch das nächste mal überlegen.
“Unschuldsvermutung” fällt mir noch ein. Was mit der Unschuldsvermutung wäre? Meine Unschuld sei ja nun auch festgestellt worden, stellt der Beamte mir gegenüber süffisant fest. Ob ich nun vielleicht auch noch meine Fingerabdrücke abgeben müsse versuche ich mit Sarkasmus zu kontern: Der Beamte grinst und tippt auf meinen Pass. “Touché!”
Ich könne mich jetzt aber wieder auf den Weg zurück nach München machen und soll den Tag noch genießen. Bloß weg hier. In München wird zwar jeder angehalten, der lange Haare hat, weil: potentieller Drogendealer. Aber hier ist das Raster in das man fällt wenigstens noch klar erkennbar.
Na Gott sei dank ist das vorbei. Ich hohl mir jetzt erstmal ne Pizza. Obwohl die bestimmt richtig ungesund ist. Wenn meine Krankenversicherung das erfahren würde, werde ich bestimmt hochgestuft… Dann zahl ich eben nicht mit meiner EC-Karte… nur sicherheitshalber… Außerdem will ich ja auf meine Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung nicht verzichten.Von meinem Freund hab ich noch nichts gehört. Aber dem wird’s schon gut gehen. Und nen Cuba-Urlaub wollte der eh schon immer mal machen.
Alle Geschehnisse sind natürlich frei erfunden. Selbst wenn die technischen Möglichkeiten dazu bereits vorhanden sind, sich im Aufbau befinden oder auch schon genutzt werden, muss das ja noch lange nicht heißen, dass einem “Minority Report“-ähnliche Zustände blühen und Leute wie SSSchäuble es böse mit einem meinen. Außerdem: Sind wir doch mal ehrlich: “Wer (nach aktueller Gesetzeslage) nichts getan hat, der hat (nach aktueller Gesetzeslage) auch nichts zu befürchten.”…
PS: Am 22.September 14:30 Uhr findet am Brandenburger Tor in Berlin eine Demo mit dem Titel “Freiheit statt Angst” statt…
PPS: Einen passenden Links haben sich die Jusos aus Herford einfallen lassen. [lLeider haben die Jungs noch nichts von der Regel des Webdesigns gehört, dass alle Inhalte wenn möglich immer über den selben Link erreichbar bleiben soll. - Zwecks Verlinkungen eben. Hab den Link also wieder raus genommen.]
Bei der aktuellen Diskussion frage ich mich übrigens, wie man feststellt, dass jemand ein Ausbildungslager für Terroristen besucht hat, um ihm die Wiedereinreise nach Deutschland zu verbieten. Wird das ein Pflichtfeld zum Ankreuzen im Einreiseformular (also wie bei der Einfuhrdeklarierung) ? Oder wird man von freundlichen Beamten direkt befragt und bei positiver Antwort wieder weggeschickt ? Und wie machen die das, wenn derjenigewelche über ein Drittland einreist (wie z.B. das sehr unsichere Königreich Norwegen oder die noch viel unsichereren USA (die m.W. kein Einreiseverbot für Terroristenausbildungslagerbesucher haben)) ?
Mein Vorschlag: Sämtliche Terroristenausbildungslager melden täglich die Namen und sonstigen Daten ihrer Besucher an den Bundesgrenzschutz, den BND oder wahlweise auch direkt an Hrn. Schäuble. Bei Daimler (demnächst ohne Chrysler im Namen) nennt man so etwas schlicht Regelreporting. Da kann die Öffentliche Hand doch noch einiges von der Privatwirtschaft lernen
Man kann auch alle wieder Einreisenden mit arabischem Namen stundelang an einen Lügendetektor anschließen und “befragen” bis man weiß wann er wo war, mit wem geredet, was gegessen und wo gepinkelt hat.
Oder wir folgen einfach Hasan Elahi mit gutem Beispiel, der sich auf seiner Webseite http://trackingtransience.net/ selbst zum Gläsernen Bürger macht.
gefunden bei:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26196/1.html
Aber was machen wir mit den Abermillionen von potentiellen Attentätern (in Dtl. immerhin ca. 75), die nicht über den Nachteil eines arabisch klingenden Namens verfügen ??? Mittlerweile kann man ja auch bei Heinz Müller (*Name von der Redaktion geändert) nicht mehr so wirklich sicher sein… Andererseits, wie wir ja vor 3 Wochen gesehen haben, hat der BND die potentiellen Attentäter recht gut unter Kontrolle (wenn man sogar die Chemikalien gegen ungefährliche austauschen konnte). Hoffen wir, das das bei den übrigen 80 Millionen Staatsbürgern ebenso ist
)