Am Ende kommen Touristen

Am Ende kommen Touristen

Es ist immer einfacher über die typischen Blockbuster und ähnliche Ausgeburten der Filmindustrie zu schreiben. Der Grund: Die Szenarien sind hyphotetisch und wenn einmal ein aktueller Sachverhalt angesprochen wird, dann meist nur auf eine so realitätsferne Art, dass man sich nur mit Mühe darauf einlassen kann und es selbst dann nur zu einer Erkenntnis führt, die man auch auf der Rückseite des 27. Januars eines x-beliebigen Abreißkalenders finden könnte.
“Am Ende kommen Touristen” erzählt vom Berliner Zivildienstleistenden Sven Lehnert, der, nachdem seine Stelle in Amsterdam bereits vergeben war, als einziger Zivi nach Ausschwitz oder besser gesagt Oświęcim kommt. Was er dort vorfindet ist eine Mischung aus Begegnungsstätte und einer viel zu stark normalisierter Ortschaft.

Ein einziger noch lebender Zeitzeuge, Herr Krzeminski, repariert die zurückgebliebenen Koffer der KZ-Insassen und berichtet anreisenden Schul- und Azubiklassen von seinen Erlebnissen. Das offensichtliche Ergebnis dieser Tagesausflüge bei den Besuchern ist eine Mischung aus ignoranter Anteilsnahmslosigkeit und automatisierter Betroffenheitsbekundung. Der Gedanke der Begegnungsstätte wird ad absurdum geführt. Nicht zuletzt, da eine Begegnung zwischen Überlebenden und Schülern bald unmöglich sein wird und vor allem, weil ein halbstündige Erzählung beim besten Willen keine Identifikation mit dem Erzähler aufkommen lassen kann. “Zeigen Sie ihnen Schindlers Liste. Das beeindruckt sie mehr.” klingt zwar fatal, Krzeminski trifft den Nagel aber auf den Kopf. Auch die Bewohner rund um Ausschwitz sind lange nach ’45 geboren und haben mit der Geschichte genausoviel zu tun wie die per Reisebus abgelieferten Touristen.
Der Film wirft die Frage auf, wie in Zukunft mit dem Thema umgegangen werden soll/kann. Macht eine Begegnung zwischen instandgehaltenen Ruinen und gesättigten Besuchern Sinn? Ist die Lehre der Geschichte nicht wichtiger als die Geschichte selbst? Sind Parallelenziehungen zwischen dem KZ-Hof, auf dem Gefangene in Abhängigkeit von ihrem weiteren Nutzen entweder zum Tod oder zum Leben verurteilt wurden, und dem Kampf auf dem Arbeitsmarkt in der verwaisten Ortschaft Oświęcim übertrieben oder greift bei einem “Das ist ja geschmacklos!” nicht nur die automatische Abwehrhaltung die vor allem eines sagt: “Ich will mich damit nicht beschäftigen!”? Welche Bedeutung hat eine solche KZ-Gedenkstätte heutzutage überhaupt noch?
Für mich kann die Frage beantworten. Meiner Meinung nach sollte Geschichte nicht an Orte gefesselt werden sondern in das kollektive Gedächtnis eingehen und dort bewahrt werden. Ob das funktioniert weiß ich nicht. Ich denke aber, dass es auf Dauer eh so laufen muss. Die letzten Zeitzeugen sterben und die Geschichte verblasst. Was übrig bleibt ist die Erinnerung an ein grausames Verbrechen, dass zwar jeder kennt, jedoch keiner nachvollziehen kann. Und irgendwann kennt man Lager wie Ausschwitz wirklich nur noch aus Geschichtsbüchern. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht komplett vergessen werden.
Den Menschen in Oświęcim dürfte es egal sein. Denn die haben auch andere Probleme. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Stanislaw Krzeminski die Koffer repariert und nicht restauriert.

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