“Yuppie – Indie – München”

Freitag, halb 10 pm, München. Eine Gruppe von 6 jungen Kerlen um die 25 wagt es, sich mit ettlichen blauen Scheinen bestückt vor das Atomic-Cafe in München zu stellen. Auf dem Plan steht Indie & etwas Britpop. Die weibliche Unterstützung ist schon im Anmarsch und wird innerhalb der nächsten viertel Stunde auftauchen. Es regnet. Da endlich: Die Tür geht auf und wir werden vom hiesigen Türsteher flüchtig gemustert. Was dann geschieht habe ich bisher noch nicht erlebt…

Welches Wort passt nicht hier rein?
Eigentlich wollte ich mich jetzt selbst über diese neue Erfahrung auslassen. Bis jetzt war ich ja schließlich noch in jeden Club reingekommen. Aber ein Blick in das Online-Gästebuch dieses Ladens offenbart wahre Perlen der Schreibkunst. Deshalb übergeben ich das Wort lieber an den Kollegen, der das folgende verfasst hat. (Mal schauen, wann der Eintrag aus dem Gästebuch gestrichen wird.)

Ich fahr gestern, gut gelaunt, mit einem Freund mit der U3 gen Marienplatz. Man will sich mit Freunden treffen und gemeinsam an guter Musik und Tanz erfreuen.
Man kommt an und wartet artig seine 2 Minuten, selbstverständlich ohne zu klopfen und Radau zu machen, vor der Türe. Nach den erwähnten zwei Minuten öffnet sich diese und man wird von den finster und niederträchtig glimmenden brillengerahmten Argusaugen der schwefelabatmenden teuflischen Vorgartenzwergparodie eines Türstehers gemustert und anhand einer diverse Posten umfassenden Liste bewertet. Die genauen Skalenenden der oberen und unteren Art sind mir unbekannt. Ich nehme aber an, dass sie von Hip und VIP-alike, was meiner Meinung nach einem sehr yuppiehaften und möglichst schamlos geldprotzenden Stil gleichzusetzen ist, bis untragbar und Gossendreck reicht, was wesentlich schwerer einzuschätzen ist da, wie so manch einer, mich eingeschlossen, wohl schon so manches mal erleben musste.
Sein Blick rast, rot leuchtend wie die Dioden von “K.I.T.T.”, abtastend und informationensammelnd von der Skyline gegen Bordstein über meine Siluette.
Ich werde atomicgastinformatisch und tabellarisch erfasst:
(die einzelnen Analyseergebnisse kann ich nur “ehrlich” und “selbstreflektiert” raten)
Frisur/Haare: passabel
Oberkörperbekleidung: in Ordnung
Beinbekleidung: …. bip …. katastrophal, ungeheuerlich, untragbar-> kurze Hosen????
Sein Blick härtet sich, die Pupillen ziehen sich augenblicklich zusammen, sein mimischer Ausdruck ist fast schon wütend: “Tut mir leid,” (Glaub ich dir nicht! Sehr unwahrscheinlich, dass dir, Zerberus, Mitleid ein wirklich erfahrbares und authentisches Gefühl ist.) “Mit kurzer Hose kommst hier nicht rein.” Ich, total baff und erstmal kiefernmuskeltechnisch am Entspannen. “Was?”, “Wieso?”
Er antwortet mir, mit immernoch leicht entflammbarem Atem und nun höhnischem Blick:
“Na kurze Hose, Kleiderordnung, tut mir leid.”
Ich versuche kurz nachzuempfinden wie der Inhalt seiner Worte wohl zu deuten ist, mein normatives Ohr schlägt aber bereits Alarm, und komme dann zum Schluss das man da wohl Argumentieren muss, man hat ja Sommer und so. Auf der anderen Seite sind Atomic-Türsteher nicht unbedingt dafür bekannt nicht besonderst empfänglich für Argumente zu sein. Woran das wohl liegt bleibt der subjektiven Einschätzung eines jeden abgewiesenen Gastes überlassen. Fakt ist diese “Art” zeigt sich herzlich unbeindruckt jeglicher rethorischer Mittel gegenüber.
Die einzige überlieferte Art erfolgreich zu argumentieren ist das Bitten, meist noch erfolgloser als zu versuchen Heliumatome durch den Einsatz bloßer, wenn auch ambitionierter, Wortgewalt zum verschmeltzen zu bewegen.
Oder aber: Möglichkeit zwei, diese ist leider dem genetisch gut ausgestatteten weiblichen geschlecht allgemein vorenthalten oder aber nur durch gute Eingriffe der “ästetischen” Chirurgie bzw. “Mogelpackungen” zu erwirken, jedoch wesentlich effizienter und durchsetzungsstärker.
Ich war also verdammt, ich moral-, benimm- und gesetzloser Outlaw hatte nicht mit dem höllischen Vorgartenzwerg-Türsteherverschnitt des Atomic Cafes gerrechnet verdammt dazu 7 Stationen U3 hin und zurück zu nehmen eine akkurate Hose zu entleihen und wiederzukommen.
Nochmal mach ich das nicht, zumal ich “Indie”-Club´s nicht zwangsläufig mit großen Normen und Konventionen verbinde (naiv?) sondern dachte, dass Aufgrund der Entwicklung aus dem Punk eine gewisse liberale Geisteshaltung vorhanden seien müsste.
Eine derart groteske und nicht an den Sommer angepassete Kleiderordnung zeugt von einer gewissen Arroganz die wohl ein Grund dafür sein muss, dass München zwar durchaus gute Indieclubs besizt aber diese deutschlandweit nie auf den obersten Rängen rangieren werden.

Da bleibt mir nix hinzuzufügen. Wir sind dann jedoch nicht mehr zurück gekommen, sondern haben uns einem anderen Club zugewand. Schade, dass eine womöglich gute Location nur aufgrund des Verhaltens eines Türstehers auf meiner persönlichen Blacklist gelandet ist. Aber schon allein die arrogante Art mit der man an der Pforte empfangen wird macht einem klar, dass von der Musik, die in einem Club gespielt wird, nicht auf das Verhalten bzw. die Firmenpolitik selbst geschlossen werden kann.
München hat seinen Ruf als arrogante Yuppie-Hauptstadt auf jeden Fall eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Berliiin – Halleluja – Berliiin!!!
PS: Ich leg mich jetzt erstmal an die Isar… 8)

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