Der Wecker klingelt genauso unfreundlich wie er es auch schon die letzten Tage über gemacht hat. Sei’s drum. “Morgenstund hat Gold im Mund” sag ich mir und befinde mich eine dreiviertel Stunde später auf dem Weg Richtung Midrand
Natürlich bin ich viel zu früh dran und bereite mich auf ein kleine Pause vor der Tor von Heike (arbeitet bei Fujitsu-Siemens) vor. Da ich ihr gestern am Telefon noch versprochen hatte nicht so früh da zu sein (zwecks Ausschlafen), kann ich ja nun schlecht schon sturmklingeln. Also schön leise bleiben und ein bissel Musik hören. Kann ja auch nicht schaden. Auf einmal geht das Tor auf. Nanu, ich war doch ganz leise!?! Mein erstauntes Gesicht findet zehn Meter vor mir sein weiblichen Gegenstück. “Du schon hier?” “Du schon wach?” Ein Blick über meine Schulter: Hey, nicht nur ich bin schon da, sondern auch Chris, der Guide für unsere Soweto-Tour. Na dann kann’s ja losgehen. Noch schnell mein Auto im Garten abgestellt und schon geht’s auf Richtung Johannesburg.Das erste Ziel ist die bessere Gegend von Johannesburg. hier laufen zur allgemeinen Überraschung alte weiße Säcke in Trainingsklamotten über die Straße und versuchen sich im Ausdauerlauf. Dass in Johannesburg gerannt werden muss, war mir ja schon klar, aber ich dachte immer, dass es dann auch etwas mit dem nahen Tod zu tun hat. Vor dem Haus von Nelson Mandela können wir leider nicht anhalten, da hier nicht nur er, sondern auch ein paar Minister ihre Grundstücke haben. Chris informiert uns darüber, dass es nicht erlaubt ist Fotos zu machen und bittet unseren Fahrer (einen waschechten Jo’burger Taxifahrer) ein bisschen langsamer zu fahren. KNIPPS!!! – Kommen wir jetzt ins Gefängniss?
Sehr schick sieht auch das Haus des Unternehmers und Millionärs Dave aus (zumindest glaub ich, dass er so hieß). Warum gucken wir uns sowas an? das hat einen einfachen Grund. Wir sollen schließlich die Kontraste kennen lernen. Den Beschreibungen von chris zu folgen erweist sich manchmal etwas schwierig, da man mit den Beschreibungen “das gelbe Haus” in einer Straße mit ausschließlich gelben Häusern relativ wenig anfangen kann. Außerdem verwechselt er des öfteren Links und Rechts. Ein kleiner Zwischenstopp auf dem Hügel und wir können uns die Nobelgegend noch einmal von oben angucken. Außerdem werden wir darauf hingewiesen, dass in dem Roten Gebäude schräg über uns ein weißer Medizinmann (afrikanische Heilkunst etc.) lebt und praktiziert. Auf die Frage, ob Chris dort auch ab und zu hingeht bekommen wir die Antwort “I do not believe in this african stuff. I believe in God and in Jesus Christ.” Nu gut, diese Antwort hätte ich jetzt nicht erwartet.
Ein paar Kilometer weiter nähern wir uns dem Zentrum. Okay, das ist schon eher das Bild, das ich erwartet hatte. Während in Berlin der Slogan “4 Ecken – 4 Kneipen” Mode war, ist hier offensichtlich “4 Ecken – 4 Müllhalden” an der Tagesordnung. Inmitten dieser Müllberge finden sich immer wieder kleine Stände an denen man “frisches” Obst oder lebendige Hühner erwerben kann. Mit einem Besuch im höchsten Bürogebäude der Stadt verschaffen wir uns einen besseren Überblick und können uns auch mal ein bissel unterhalten. (Mit wem bin ich jetzt eigentlich unterwegs?) Die 50 Stockwerke sind schnell überwunden und wir können uns die “Skyline” von Oben angucken. Sieht zwar nicht aus wie der Big-Apple, aber immerhin. Das Gebäude, in dem wir uns gerade befinden ist eines der vielen leer stehenden Gebäude in Johannesburg. Das würde auch erklären, warum es nur zwei Knöpfe im Fahrstuhl gab (1 und 50). Chris wird uns im Laufe des Tages noch mehrfach darauf hinweisen, dass alle Firmen aus Johannesburg verschwunden sind. Die Kriminalitätsrate ist einfach zu hoch.
Der Aufforderung von Chris ab jetzt alle Weißen zu zählen, die wir sehen, versuchen wir erst garnicht Folge zu leisten. Es gibt einfach keine. Ein wenig mulmig wird einem da schon und man ist auf einmal etwas überempfindlich (Warum hat der Typ im Auto nebenan eben so komisch geguckt?) Aber was soll’s. Wir sind ja hier schließlich sicher in unserer Rostlaube von Transporter. Sollten wir in diesem Viertel eine Polizeistreife sehen, so sollten wir schleunigst das Weite suchen, da diese Cops dann aller Wahrscheinlichkeit nach korrupt sind. Rosige Aussichten. Aber ich hatte ja auch nicht vor hier shoppen zu gehen. Kaum hat man sich an die Umgebung gewöhnt kommt auch schon der nächhste Umschwung. Auf einer Soweto -Tour muss man schließlich alles besuchen. Wir fahren also weiter bis in eine Township-artige Gegend. Die Häuser sind klein, heruntergekommen und werden durch verrostete, ausgeschlachtete Karosserien im Vorgarten verschönert. Diese Gegend war ursprünglich Teil des Industriegebiets und sollte eine Wohngegend für die Arbeiter sein. Da aber, wie bereits erwähnt, keine Firmen mehr in der Stadt sind, standen die Häuser leer. Die Regierung hat sie daraufhin übernommen und an die Bevölkerung verteilt. Denjenigen, den wir hier treffen wollten ist leider nicht auffindbar. da fällt die geplante Bierverkostung wohl ins Wasser. Als Ausgleich läd uns Chris in das Haus seiner Großmutter (mütterlicherseits) ein. Dort treffen wir auch seine beiden Töchter Rose und Nelly. Hinter der Hütte haben einige andere Familien ihr Lager bezogen. Man erklärt uns, dass es üblich ist einige Untermieter aufzunehmen. Dabei handelt es sich um Zugereiste, die keine Arbeit gefunden haben und deshalb eine extrem günstige Wohnung benötigen. Das Ganze läuft so ab, dass die Personen die richtige Miete dann nachzahlen, wenn sie Arbeit gefunden haben. Vorher müssen sie lediglich die Nebenkosten tragen.
Etwas betroffen sind wir, als uns Chris von einem Haus erzählt, in dem nur zwei Personen leben. Der Sohn ist an AIDS gestorben und seine Mutter ist ihm kurze Zeit später gefolgt. Auf die Frage wann das passiert wäre bekommen wir die Antwort “2 Wochen”. *Schluck*
Wieder draußen erwartet uns eine Überraschung. Wo ist unser Fahrer? Und noch viel wichtiger: Wo ist das Auto? Nicht nur wir, sondern auch Chris macht einen besorgten Eindruck. Als wir bei der Suche nach dem Auto durch die Straßen laufen, muss sich Chris immer wieder mit einigen “Freunden” unterhalten. Er könne großen Ärger deswegen bekommen und er hätte lieber einen anderen Weg gehen sollen, sagt er. Schon wieder dieses mulmige Gefühl im Magen. Darf man sich in dem Viertel nicht mit Weißen sehen lassen? Ich mach mir nicht nur um ihn, sondern auch um uns Sorgen. Glücklicherweise finden wir das Auto samt Fahrer nach etwa 7 Minuten. Dieser darf sich erstmal eine ordentliche Standpauke anhören. Heimweh ist ja schön und gut, aber während der Arbeit nach Hause fahren gehört sich einfach nicht. Weiter geht’s. Bei einem kurzen Zwischenstopp haben wir die Gelegenheit einem Rind ins Augen zu gucken. Es scheint allerdings nicht besonders glücklich zu sein, was natürlich daran liegen mag, dass das Hirn des Tieres in der orangen Schüssel neben dem abgestrennten und halbierten Kopf liegt. Hier arbeitet der Fleischer eben noch mitten auf der Straße. Die Kunden scheint das nicht zu stören. Eine lange Schlange hat sich vor der Ladefläche des Pickups gebildet. Da tropft der Zahn.
Eine kurze Mittagspause gibt es in einem überraschend vornehmen Restaurant in der Nähe. Dort kann man sich auch tatsächlich draußen hinsetzen ohne komisch angeguckt zu werden. Vermutlich hat man sich viel zu affig mit diesen paranoiden Anfällen. Aber man muss es ja nicht drauf ankommen lassen. Das Buffet bietet einen leckeren Bohnenmix, Reis, Kartoffelbrei, Spinat, hausgemachtes Brot, Tomatensoße und leckere Stückchen vom Lamm… Das treudoofe Auge des niedergemetzelten Rindes fällt mir wieder ein. Wie dem auch sei. Das Lamm war auf jeden Fall nicht besonders schmackhaft. Der Bohnentopf dagegen schon. Papesatt machen wir uns auf den Weg zum Auto um unsere letzten Stationen anzufahren.
Diese bestehen aus einem Denkmal und anschließenden Besuch im Apartheid-Museum. Das Denkmal wurde zu Ehren der Jugendlichen und Studenten aufgestellt, die 1976 ihr Leben im Kampf für Freiheit und Demokratie gegeben haben. Das Denkmal selbst besteht aus einem Flachen Flussbett aus denen ab und zu einige Steine hervorragen und andere vom Wasser überdeckt werden. Die Steine symbolisieren dabei den Widerstand gegen die Apartheid und das Wasser stweht für das Blut der getöteten und verwundeten Kinder. Als eine Gruppe von 15.000 Jugendlichen und Studenten am 16. Juni 1976 gegen die Einführung von Afrikaans als Amtssprache demonstrieren. Die Demonstration wurde von der Polizei blutig niedergeschlagen. Dabei wurden mindestens 600 Jugendliche getötet und tausende mehr verletzt. Eines der jüngsten Opfer war der 13 jährige Hector Petersen, dessen Bild wir heute nicht zum letzten Mal gesehen haben sollten. Ein weitere Denkmal steht wenige Blocks entfernet an einer Straßenkreuzung. Es markiert noch einmal die Stelle an der Hector Peternsen gestorben ist.
Auf die Frage, ob wir noch irgendwelche Fragen haben, können wir nicht reagieren. 1976 ist nicht wirklich lange her. Im Apartheid Museum werden wir erfahren, dass die letzten politischen Hinrichtungen noch 1989 stattgefunden haben.
Der Besuch im Museum nimmt für uns zwei Stunden in Anspruch. Das ist einfach zu wenig Zeit, weshalb ich wohl noch einmal hier her kommen werde. Schließlich handelt es sich dabei um sehr aktuelle Geschichte, von der man so gut wie nichts weiß. Den Eingang markiert ein Zitat von Nelson Rolihlahla Mandela. “Frei zu sein bedeutet nicht nur die eigenen Ketten abzulegen, es heißt auch in einer Art und Weise zu leben, die die Freiheit anderer respektiert und bestärkt…” Dieser Zitat steht im krassen Gegensatz zum eigentlichen Eintritt. Der ist nämlich unterteilt. Es gibt einen Eintritt für Europäer und einen Eintritt für “Schwarze, Farbige und Chinesen”. Im Inneren des Gebäudes erfährt man zuerste einiges über die Geschichte des Landes, die Besiedelung durch die Europäer. Der Bogen zum eigentlichen Thema des Museums wird aber rellativ schnell gebildet. Wir erfahren von der zufälligen Entdeckung von Gold, von Sklavenarbeit und letztendlich von der Apartheid. Neben vielen Bilder und Erlebnisberichten werden auch Videoaufnahmen eingesetzt um dem Thema gerecht zu werden. Eine Exkurs in die amerikanische Geschichte wird ebenfalls geboten. Alles andere als stolz ist man, wenn man sich in einem Film angucken darf, wie die Polizei mit Waffengewalt gegen vermeintliche Oppositionsmitglieder vorgeht. Deutschland als Exportweltmeister bekleckert sich nicht unbedingt mit Ruhm, wenn diese Polizisten mit einem deutschen G3 auftreten. Es läßt sich schlecht beschreiben, was einem durch den Kopf geht, wenn vermeintlich brave Hausfrauen mit Transparenten auf der Straße fotografiert werden, auf denen Sprüche wie “Integration ist illegal” steht. Definitionen wie “Eine Person, dessen Eltern nicht reinrassige Europäer sind … ” und die Erwähnung von Konzentrationlagern tun ihr übriges um ein D�ja-vu-Erlebniss hervorzurufen.
Ein Museum zu beschreiben ist wie gesagt praktisch unmöglich. Deshalb nur noch ein paar Erklärungen. Auf einem Gang außerhalb stehen diverse Spiegel mit Bildern von verschiedensten Personen. Nach einigem Suchen findet man auch eine erklärende Tafel. Bei den Personen handelt es sich um Nachkommen von ehemaligen Goldsucher, die ins Landesinnere gezogen sind. Dabei haben sich “die verschiedenen Rassen untereinander vermischt”. Die Nachkommen stellen also den lebenden Widerstand gegen das Konzept der Apartheid dar. Wohl wissend, dass wir nur einen Bruchteil der Eindrücke sammeln konnten, machen wir uns nach zwei Stunden wieder auf den Weg nach Draußen.Auf dem Weg zurück nach Midrand passieren wir noch einige Townships. Auf den Straßen fließt ein Bach aus Wasser und Müll und wir sind froh wieder in unsere sauberen Unterkünfte zurückkehren zu können.
Für den Abend standen zwei Alternativen auf dem Plan. Ich könnte wieder in einen Club gehen. Auf den komplett mit Spiegeln und roter Farbe gestalteten Raum hatte ich diesmal aber keine Lust mehr. Schließlich musste ich am nächsten Tag wieder pünktlich um 7 Aufstehen, damit ich mich auf den Weg in den Lion-Park machen konnte. Die Einladung zum Mittagessen von Johanns Familie mußte ich deshalb auch ausschlagen. Vielleicht nächstes mal. Die andere Alternative war das frühzeitige Schlafengehen, was mir immerhin ein paar Stunden Schlaf bescheren sollte.