Lesotho – Part 2

So, da bin ich wieder. Heute haben wir unseren ersten regnerischen Tag in Südafrika und es scheint so, als ob es langsam etwas wärmer wird. “Super Sache” sag ich dazu und freu mich auf das Einweihen unseres hauseigenen Pools. Gestern war wie bereits geschrieben Feiertag. Das hieß für mich endlich mal ausschlafen zu können. Ich bin also um 13:00 Uhr aufgestanden, hab den ganzen Nachmittag mit Johann, Charl und 3 anderen, die nicht hier wohnen, Risiko gespielt. Allerdings die klassische Variante von 1959 (!). Das bedeutet: keine komplizierten Missionen, keine verschnörkelten Spielfiguren, das einzige Ziel ist die Weltherrschaft. Dabei haben wir herausgefunden, dass Amerika keine Chance hat, sobald sich Afrika und Australien verbünden um den Nahen Osten zu befrieden. Pech für mich – Glück für die anderen. Aber es ist ja schließlich nur ein Spiel.
Am Abend ist mir dann eingefallen, dass ich ja noch den Rest meiner Lesotho-Reise zu “Papier” bringen wollte. Hier also der zweite Teil.

Wo war ich stehen geblieben? Ich glaube bei unserer Ankunft im Niemandsland. Das Dorf bestand aus einer Traumhaften Aussicht, ein paar Ställen und einigen Hütten wovon eine für Gäste (also uns) gedacht war. Die Basotho-Rundhütte neben uns bewohnte der Bürgermeister, Chef, Häuptling, Stammesführer und einzige ausgewachsene Mann im Lager. Mit ihm war seine ganze Familie in der Hütte versammelt. Seine Mutter hustete so doll, dass wir uns nicht sicher waren, ob das Husten am nächsten Morgen auch noch da sein würde. Sein kleiner Sohn kroch mit einem Hemd bekleidet in reinrassiger Freischwingerkultur über den Fußboden und versuchte (einige Male sogar erfolgreich) auf zwei Beinen zu stehen. Seine Frau war schon wieder schwanger und versuchte das Essen, das in kleinen Plastiktonnen vor der Hütte stand, vor dem Schwein in Sicherheit zu bringen und die Hühner samt Nachwuchs patrollierten vor der Tür. Der ältere Sohn wurde uns vorgestellt, da er wegen der Abwesenheit des Vaters zurzeit das Sagen im Dorf hatte. Eine Stunde Fußweg entfernt befindet sich ein Wasserfall, den wir mit seiner Hilfe auch finden sollten. Zunächst aber durften wir uns ein wenig ausruhen.
Wir setzten uns vor die Hütte und machten unter den staunenden Blicken einiger Kinder ein paar Fotos. Die kleinen Racker waren davon so begeistert, dass unsere Hauptaufgabe wenig später darin bestand unsere Sonnenbrillen zu verleihen um anschließend Fotos von ihnen zu machen, die wir ihnen natürlich auch zeigen mussten. Das ganze klingt etwas krotesk, da man sich vorkommt wie ein wohlhabender Weißer, der unwissenden Eingeborenen eine völlig neue Welt zeigt. Tja, man kann ja jetzt viel argumentieren, aber im Grunde ist dieser Eindruck ja auch nicht ganz falsch gewesen. ;oO Die Kleinen waren auch verdammt niedlich und total begeistert. Ein fahler Beigeschmack blieb trotzdem, wenn man sah, wie unterernährt manche der Kinder waren.
Irgendwann mussten wir uns dann aber trotzdem auf die Socken machen. Schließlich war es schon 15:00 Uhr und ab 18:00 Uhr geht hier im Winter die Sonne unter. Da es in dem Dorf keine Lichtquellen außer Kerzen, Lagerfeuer und unseren Taschenlampen gab, wollten wir also keine Zeit verlieren. Kochen mussten wir ja schließlich auch noch. Frohen Mutes und mit dem Wissen, seit heute morgen keine eigenen Schritt vor den anderen gesetzt zu haben machten wir uns also auf den Weg zum Wasserfall. Vorbei an unseren Pferden, denen nach unserer Ankunft das Geschirr abgenommen wurde und die seelenruhig auf einer der abschüssigen Weiden grasten. Vorbei an einer Ziegenherde und einer voluminösen Heuschrecke. (Hoffentlich sind deren Nachkommen nicht für die nächste Hungerkatastrophe verantwortlich.) Den Berg hoch. Den Berg runter. Auf schmalen Trampelpfaden vorbei an den angsteinflößenden Abgründen, die einen sicherlich schneller aber nicht schmerzfreier zum Wasser gebracht hätten. All das, eine komplette Stunde lang, bis wir endlich am Wasserfall aufschlagen. “Puhhhhh, ich kann nicht mehr.” Die Luft ist so was von staubtrocken und so was von dünn. Da hätte man uns doch mal vorwarnen können. Ehrlich gesagt hätten wir uns das aber auch denken können. Einmal freundlich nachgefragt und wir werden davon informiert, dass wir uns inzwischen auf ca. 3000 m über dem Meeresspiegel befinden. Achso, deshalb wird Lesotho also auch das “Dach Afrikas” genannt. Den höchsten Punkt namens “Mount Thabana-Ntlenyana” hatten wir allerdings nicht erreicht. Der befindet sich nämlich ca. 180 km weiter östlich und erreicht die stolze Höhe von 3482 Metern.
Unser Respekt gegenüber den Pferden bekommt auf jeden Fall kräftig Aufwind. Unsere Beine lassen sich davon jedoch nicht anstecken und so investieren wir die nächsten 20 Minuten erstmal in da Ausruhen unserer Gliedmaßen und dem Beobachten der untergehenden Sonne. Dem Vize-Häuptling kommt die Pause offenbar sehr gelegen, denn er fängt erstmal an sich ein Tütchen zu drehen und es anschließend in einer beeindruckenden Geschwindigkeit wegzurauchen. Der Wasserfall ist anscheinend nicht berauschend genug. “Hat sich jemand gemerkt, wie es zurück geht?” ;o)) “Naja, wird schon schief gehen.” Unser Verlangen nach dem kühlen Nass wird kurzzeitig durch den verwesten Kadaver der kleinen Maus am “Ufer” gestört. Völlig abhalten lassen wir uns aber nicht. Schließlich soll es uns ja auf dem Rückweg nicht genauso ergehen wie dem Nagetier. Der Weg zurück erweist sich leider auch nicht als wesentlich erholsamer als der Hinweg und so kommen wir mit viel kulinarischem Tatendrang im Dorf an.
Während der Propangaskocher angeworfen wird und sich 6 Köche gleichzeitig um die Spaghetti bemühen versuchen sich unsere Führer draußen schon einmal am Lagefeuer. Wenig später ist die Sonne vollständig verschwunden und ein flottes Lüftchen weht uns um die Ohren. Die Nudeln schmecken gut und das Feuer spendet zumindest genügend Wärme um nicht zu erfrieren. Die Gespräche mit unserem Führer drehen sich zunächst um das Wetter uns so erfahren wir, dass hier normalerweise Schnee liegen müsste und wir uns quasi glücklich schätzen dürfen am morgen ohne schwarze Zehen aufwachen zu müssen. Nach einigen Bierchen versuchen wir uns auch an der lokalen Sprache. Welche Vokabeln wir dort direkt gelernt haben will ich jetzt nicht erzählen, da sonst ein völlig übertriebenes Bild von einer Männerrunde entstehen würde. ;o))
Das Himmelszelt bietet einen noch besseren Anblick als in der vorangegangenen Nacht. Der Geräuschpegel aus der Hütte nebenan lässt vermuten, dass der Häuptling seiner offensichtlich liebsten Freizeitbeschäftigung nachgeht. (Okay, was will man auch sonst abends machen ohne Fernseher, Cocktailbar oder Kino in der Nähe.) Und wir? Wir gehen um ca. 21:00 Uhr (aber gefühlte 1:00 Uhr) in unsere Hütte um uns auf die aus DDR-Grundschulen importierten Sportmatten zu legen.
Der Morgen beginnt mal wieder früh. Der Hahn kräht, das Schwein grunzt, die Pferde wiehern und irgendjemand hat die ganze Nacht über geschnarcht. Draußen tobt ein kleiner Sandsturm, der es nahezu unmöglich macht sein von der Nacht zerknautschtes Gesicht zu ordnen und so machen wir uns ans Frühstück. Die Sachen sind wieder rellativ Schnell in den Satteltaschen vertaut, der Wind wird irgendwann weniger und die letzte Packung Nudeln lassen wir liegen. Die Kinder können die auf jeden Fall besser gebrauchen als wir und unsere Pferde werden sich über den geringeren Ballast freuen. Für den Weg zurück nehmen wir eine etwas kürzere aber nicht minder spektakuläre Tour. Die Kinder mit dem Appetit auf Süßigkeiten sind offensichtlich auch Frühaufsteher und bringen uns in die Situation einige (harmlose) Vokabeln zu benutzen. Außerdem kann man die Leute auf den Wegen inzwischen mit einem freundlichen “Dümela” begrüßen. Etwas überrascht sind wir, als sich einige kinder nicht mehr mit Süßigkeiten zufrieden geben wollen, sondern getreu nach dem Motto “Wenn du nicht nach einem Euro fragen willst, frag nach 20.000.” Kriegen wir nun ein “Give me some money!” zu hören. “Ohne �Bitte’ ja schon gar nicht.” denken wir uns und so nähern wir uns immer schneller dem Basiscamp.
Inzwischen haben wir unsere Pferde so weit unter Kontrolle, dass uns die Helme nicht nur wegen der nahtlosen Bräune überflüssig vorkommen. Unsere Führer lassen inzwischen sogar zunehmend freie Hand und so überwinden wir die letzten 500 Meter im gestreckten Galopp.
Mit schmerzendem Gesäß und lädierten Kniescheiben kommen wir erschöpft aber glücklich in der Melealea-Lodge an. Wir machen uns schnell ans bezahlen und schwingen uns in unsere Autos um uns auf den Weg nach Pretoria zu begeben. Der Rückweg, diesmal bei Tage, ist wesentlich spannender als der Hinweg, da jetzt auf einmal Kinder auf die Straße gerannt kommen um ein paar Rand oder Süßigkeiten zu erbetteln. Dabei scheint es ihnen egal zu sein, ob man sie umkarrt oder nicht. Ich persönliche bevorzuge es niemanden auf diese Art und Weise mitzunehmen, weshalb erhöhte Aufmerksamkeit angebracht war. Auf dem Rückweg lassen wir die Umgehungsstraße für Maseru links liegen und kommen so in den Genuss der Hauptstadt von Lesotho. Dem Eindruck nach besteht diese Stadt zu 75% aus Township, was dem Stadtbild nicht wirklich zuträglich ist. Überall Blechbaracken und eilig zusammengeschusterte Behausungen. Der Müll bleibt anscheinend da wo er hinfällt. Alles in allem kein schöner Anblick. Hier will man also nicht länger bleiben� AU BACKE !!! Da war ja noch was. Ich muss ja noch nach Südafrika einreisen. Allerdings ohne Pass versteht sich.
Die Ausreise war natürlich wieder kein Problem. Diesmal hab ich mir sogar eine Ausreisebestätigung geben lassen. Hauptsache erstmal raus hier :o )) Die Einreise funktionierte auch erstaunlich problemlos. “Das ist mein temporärer Reisepass. Mein echter wurde in Lesotho geklaut.” (Klingt doch plausibel.) “Sie müssen ihren Stempel da rein machen. Neben dem von Lesotho.” “Ja, so ist richtig.” *ZACK*� Juchhu, ich bin wieder zurück!!!
Die restlichen Kilometer vergingen erstaunlich schnell, so dass wir gegen 21:00 Uhr in Pretoria ankamen. Die Augen aller Passanten wurden groß, wenn wir mit den Smarts vorbei fuhren. Letztendlich machen wir ja doch nur Promoting-Touren. Und meine EC-Karte konnte zwischendurch noch ihre erste Bewährungsprobe durch machen (Uns fehlte nämlich plötzlich Bargeld.)
FAZIT: Eine lustige Reise und ein erfolgreiches erstes Wochenende in Afrika. Wir sind dreckig, schmerzerprobt, reiterfahren, sprachlich bewandert, illegal eingereist, illegal ausgereist und um einige Erfahrungen reicher. Was will man mehr.

2 Comments

  1. Jutta

    Au ja, das will ich auch machen, wenn ich im Herbst komme. Kannst du nicht schon mal ein Pferd reservieren lassen?
    Ma.

  2. Robert Jaeger

    @ Janeks Mama:

    Aber damit es auch so richtig authentisch wird, ist es besser den Reisepass gleich ganz in Deutschland zu lassen. Sonst ist der Nervenkitzel nur halb so gross :-)

    Ich waere aber auch gerne dabei gewesen und bin neidisch! Grossartig geschrieben, Janek.

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